Geert van Dok von Caritas Schweiz und Präsident der Max Havelaar-Stiftung Schweizt sinierte über den Fairen Handel und seine Zukunft und stellte an der LIFEFair dazu folgende Thesen auf:

  • Der Faire Handel muss neue Marktfelder und Marktakteure erreichen und dafür muss er seine Fairhandels-Ansätze weiterentwickeln.
  • Der Faire Handel muss zusätzliche Ansätze für die ärmsten Länder, für die lokalen und regionalen Märkte im Süden entwickeln.
  • Es braucht vermehrt breitgefächerte, marktorientierte und sozio-politische Entwicklungsimpulse, in Kombination mit Anstrengungen der Entwicklungszusammenarbeit.
  • Um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen, muss der Faire Handel verschiedenen Anforderungen genügen: Langfristigkeit, Reichweite, Breitenwirksamkeit, Innovationskraft.

Nachtrag vom 5.6.2008: Auf der Website von Swiss Fairtrade ist die Präsentation von Geert van Dok nun zum runterladen freigeschaltet worden.

Am Mittwochnachmittag sind alle Vorbereitungen für die Schulung der Kooperativen getroffen: Wir Praktikanten haben die Einleitung, den allgemeinen Teil über den Fairen Handel und die Information über das Zertifizierungssystem von FLO vorbereitet. Hamdia, Amina und Fatma übersetzten alle für die Bauern und Kooperativen wichtigen Zertifizierungskriterien ins Arabisch und druckten Informationsbroschüren aus. Diese können wir den Bauern am Ende der Schulung mitgeben.

Die Schulung

Datum: 6. Mai 2008, 17 Uhr
Ort: Büro in der neuen Fabrik von gebana Maghreb, Kebili
Leitung der Veranstaltung:
Hamdia, Andrea und Sandro, Amina assistiert bei der Übersetzung
Teilnehmende:
Präsident der Kooperative Barghoutia, zwei Bauernvertreter von Barghoutia
Präsident und Financier der Kooperative Derjine, drei Bauernvertreter von Derjine
Programm:
- Fairer Handel generell und aus Sicht der europäischen Kunden (Sandro)
- Vorstellen von FLO, Einführung in das Zertifizierungssystem von FLO (Andrea)
- Wichtigste Zertifizierungskriterien für die Kooperativen und Bauern (Hamdia)
- Diskussion über die Verwendung der Fair Trade Prämie
Sprache:
Französisch-Arabisch, Arabisch-Französisch
Dauer der Veranstaltung: etwa 2 Stunden

Eindrücke:

- Die Teilnehmenden waren sehr konzentriert, machten sich zum Teil Notizen und wollten die behandelten Themen wirklich verstehen. Bei Unklarheiten fragten sie nach.
- Zwischdurch klingelte immer wieder ein Handy. In voller Lautstärke trällerte jeweils ein arabisches Lied aus dem kleinen Gerät.
- Über die Organisation FLO und das Zertifizierungssystem wussten die Teilnehmenden vor der Schulung nichts. Auch über die einzelnen Zertifizierungskriterien waren sie noch nicht informiert. Sie sind froh über die Schulung zu diesen Themen, damit sie sich selbständig besser auf die Zertifizierung vorbereiten können.

Diskussion über die Fair Trade Prämie:

Wenn es um die Verwendung der Prämie geht, gibt es zwischen den Kooperativleitungen und den Kooperativmitgliedern einige Differenzen. Einige Bauern fordern immer wieder, dass die Prämie unter den Mitgliedern aufgeteilt wird und jeder individuell über deren Verwendung entscheiden kann. FLO schreibt aber vor, dass diese Prämie für Entwicklungsprojekte in der Kooperative verwendet werden soll.
Im letzten Jahr wurde ein Teil der Prämie in Baghoutia gebraucht um Stromrechnungen der Kooperative zu bezahlen. Dies dient zwar der ganzen Kooperative, doch leistet es keinen Beitrag zur Entwicklung der Gemeinschaft. In der Diskussion versuchen wir zu erklären, dass die Prämie, wenn es irgendwie geht, nicht zur Bezahlung von alltäglichen Kosten verwendet werden soll. Im letzten Teil der Diskussion geht es um die Frage, wie die Bauern besser in die Entscheidung über die Verwendung der Prämie miteinbezogen werden können. Die Idee eines Fragebogens wird geäussert, in welchem die Bauern ihre Wünsche für Projekte mitteilen können. Die Kooperativenleitung könnte dann diese Ideen auswerten und der GV einen Vorschlag präsentieren.

 

Praktikanten in Tunesien Teil 3: FLO Certifikat

Unsere Arbeit mit gebana Maghreb beginnt am Morgen mit Fatma, Hamdia, Amina und Taieb. Fatma und Hamdia arbeiten beide in Kebili für gebana Maghreb. Amina studiert eigentlich in Tunis und erledigt von dort aus administrative Arbeiten für gebana.
Das Zertifizierungssystem von FLO (Fair Trade Labelling Organisation) wurde überarbeitet und ist seit dem April 2008 eingeführt. Ziel des heutigen Tages ist es, dass unsere MitarbeiterInnen von gebana das neue System kennen lernen. Zuerst geht es um den Ablauf der Zertifizierung. Das Zertifikat wird für drei Jahre ausgestellt und wird jährlich kontrolliert. Nach jeweils drei Jahren wir das Zertifikat erneuert, wenn die Organisation alle geforderten Kriterien erfüllt. Bei den Zertifizierungskriterien handelt es sich um eine Liste mit gut 180 Punkten. Diese Regeln z.B die soziale Entwicklung und Struktur der Kooperative (Büro, Konten, Leitung der Kooperative, Mitglieder GV), wer über die Verwendung der Fair Trade Prämie entscheiden kann (GV), die Anwendung von Dünger, die Nicht-Diskriminierung der MitgliederInnen, bis zur Versammlungsfreiheit der Angestellten der Kooperative.
Am Nachmittag gilt es für uns alle diese Punkte durchzuackern. Für die MitarbeiterInnen von gebana ist es sehr wichtig, dass sie alle diese Kriterien kennen und genau verstehen, weil sie danach die AnsprechspartnerInnen für die Kooperativen sind, wenn es um die Frage der Zertifizierung geht.

Um die Arbeit für die Kooperativen zu vereinfachen sind die Kriterien in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe beinhaltet die Grundprinzipien des Fairen Handels, mit denen die Kooperativen von Anfang an konform sein sollen. Bei der Erneuerung des Zertifikats nach drei Jahren werden zusätzlich Messlatten gesetzt: Die Dokumentation aller Aktionen der Kooperative und Pläne zur Erreichung einer möglichst effizienten und gerechten Einsatz der Prämie. Weitere drei Jahre später sollten die Kooperativenmitglieder selber mehr Verantwortung für den Verkauf und die Vermarktung ihrer Datteln übernehmen.

Organisations-Strukturen

Klare Organisationsstrukturen wie Statuten, Generalversammlung, Abstimmungen, Protokoll, Verwaltung, Budget, Abrechnung werden vorausgesetzt. Die Mitglieder, also die Bauern, müssen in kleinbäuerlichen Strukturen arbeiten und über den Fairen Handel informiert sein. Wichtig ist dass über den Einsatz der FairTrade Prämie zum Wohle der ganzen Gemeinschaft sinnvolle Projekte ausgewählt und umgesetzt werden.

Die Prämie

Im vergangenen Jahr wurden über 20′000 Franken Prämie an die Association Barghoutia, eine der beiden Kooperativen von denen gebana ihre Datteln bezieht, ausbezahlt. Einige Bauern wollten dass diese Prämie unter ihnen aufgeteilt und ausbezahlt wird. Die Mehrheit in der GV entschied sich dann aber für Projekte zur Entwicklung der ganzen Gemeinschaft: Unter anderem wurden neue Geräte gekauft, Wasserleitungen repariert, Strom sowie kleinere Infrastrukturbauten finanziert (15′000 Fr.). Weitere 4000 Fr. wurden für soziale Projekte investiert: z.B. ein Zentrum, in welchem die Frauen und Mädchen des Dorfes traditioneller Handarbeit nachgehen können und für die Region typische Gegenstände herstellen. Auch werden mit diesem Geld Familien unterstützt, die sich die Schulmaterialien für ihre Kinder aus eigener Kraft nicht leisten können. Die restlichen 1000 Franken wurden für Schulungen im Bereich des biologischen Anbaus gebraucht.

Das genaue Studium aller Kriterien dauert den ganzen Tag und die Arbeit ist sehr anstrengend. Das Umdenken in andere Sprachen fordert das Hirn zusätzlich. (Die Liste mit den Zertifizierungskriterien ist auf Englisch, unsere Diskussion ist hauptsächlich auf Französisch, zum Teil besprechen unsere KollegInnen von gebana Maghreb etwas auf Arabisch und übersetzen dann für uns). Doch es beklagt sich niemand. Zwischendurch habe ich das Gefühl ich bin nicht mehr fähig etwas zu erklären oder ein Kriterium zu diskutieren. Dann erinnere ich mich daran, dass Amina die ganze letzte Nacht im Bus von Tunis nach Kebili verbracht hat und bereits seit 5 Uhr morgens wach ist. Doch sie lässt sich nichts anmerken und ist engagiert bei der Sache. Also beisse auch ich die Zähne zusammen.
Schliesslich endet der Tag mit einem Ausblick auf die kommende Woche. In einer Schulung am folgenden Mittwoch werden wir die von uns erarbeiteten Informationen den Kooperativen und einigen Bauern vereinfacht erklären. Die Schulung soll auch Gelegenheit bieten nochmals mit den Bauern die Grundprinzipien des Fairen Handels zu diskutieren.

Weitere Informationen zu FLO und dem FLO-Zertifizierungssystem unter www.fairtrade.net und
www.flo-cert.net